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Freier Wille oder Schicksal? – Macht und Ohnmacht in unserem Leben.

Kompass_des_SchicksalsÜber Schicksal sprechen wir manchmal erst in dem Moment, wenn uns die scheinbare Kontrolle über die Ereignisse des Lebens aus der Hand genommen wurde. Man könnte also meinen: »Schicksal ist, wenn man keine Kontrolle hat.« Viele lehnen die Idee eines vorbestimmten Schicksals ab, weil sie der Idee eines freien Willens, der alles erreichen kann, wiedersprechen würde. Was also ist Schicksal und wie passt es zum freien Willen? Nachfolgend finden Sie einen Vorschlag, den Sie an Ihrem eigenen Leben überprüfen können.

Angenommen, Ihr persönliches Leben wäre ein Wald.  Sie betreten ihn, Sie durchqueren ihn und am Ende verlassen Sie ihn. Was Sie zwischen Eintritt und Austritt aus dem Wald erleben, ist Ihr Lebensweg.

Schicksal (sicher)

  • Wo Sie den Wald betreten (also unter welchen Umständen Ihr Leben beginnt), können Sie nicht mit Ihrem Willen bestimmen. Sie werden in Familienumstände hineingeboren, die bereits bestehen.
  • Dass Sie den Wald eines Tages verlassen müssen, können Sie ebenfalls nicht mittels freiem Willen verhindern.
  • Was andere Menschen tun oder nicht tun, während Sie Ihren Wald durchqueren, können Sie nicht frei bestimmen. Sie können vielleicht versuchen dies oder das zu beeinflussen, doch es geschieht dennoch nicht, was Sie frei wollen.
  • Falls Sie etwas bewirkt haben, unterliegt es nur begrenzt Ihrem freien Willen, wie lange es bestehen bleibt. Das Leben kann Umstände erzeugen, die es unmöglich machen, ein Ergebnis aufrecht zu erhalten.

In Ihrem Wald gibt es Rahmenbedingungen, auf die Sie keinen Einfluss haben.

Schicksal (eventuell)

  • Wenn jemand Geld erbt, ohne es je darauf angelegt zu haben ist das ein Schicksal. Sein freier Wille wäre dann, das Geld abzulehnen oder anzunehmen.
  • Wenn ein Unfall geschieht, könnte es Schicksal sein. Oder aber die Entscheidung zum Überholen, obwohl alle Gefühle davor gewarnt haben.

In Ihrem Wald gibt es Ereignisse, die Sie nicht vorhersehen können.

Freier Wille (für äußere Dinge)

Wenn Sie sich ein Frühstücksbrot zubereiten und sich dabei zwischen Marmelade, Käse oder Wurst entscheiden, ist das Ihr freier Wille. Leicht daran zu erkennen, dass Sie nur eines oder alles oder gar keines davon nehmen können. Und sogar wechseln, nachdem Sie entschieden haben. Definitiv frei ist es, wenn es sich anfühlt, als würden Sie spielerisch Klaviertasten drücken, nur um zu hören, was dabei herauskommt.

In Ihrem Wald haben Sie die Wahl, wie Sie mit den »vorgefundenen Dingen« umgehen. Was Sie daraus erschaffen.

Freier Wille (für innere Dinge)

Wenn Sie krank werden, einen Unfall haben oder eine Trennung erleben, können Sie die Situation im Außen nicht verändern, ganz gleich was Sie beschließen. Aber Ihre innere Situation können Sie verändern. Nicht völlig beliebig, aber zu einem spürbaren Teil.

Wie Sie mit »eintreffenden Ereignissen« in Ihrem Wald umgehen, wird von Ihrem freien Willen mitbestimmt.

In Ihrem Wald gibt es also:

  1. Feste Startbedingungen, sowie gewisse Rahmen- und Endbedingungen
  2. Vorgefundene Dinge und was Sie daraus machen
  3. Eintreffende Ereignisse und wie Sie damit umgehen
  4. Dinge und Ereignisse, die Sie selbst erschaffen

»Freier Wille« und »Schicksal« sind also keine Entscheidung für das eine oder das Andere. Sie sind ein Konzert aus dem einen mit dem anderen. Wenn es gelingt diese beiden größten Einflüsse auf unseren Lebensweg persönlich richtig einzuordnen, gelangen viele von uns auf eine höhere Stufe des inneren Friedens. Viel Freude dabei!

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1 Kommentar

  • Antworten Till Kurbjuweit 25. September 2016 um 16:56

    Hallo Nicole und Rüdiger,
    ihr habt sehr schön ausformuliert, was auch mir seit geraumer Zeit als innere Antwort zu der dialektischen Frage nach Freiem Willen vs. Schicksal vorschwebte.
    Da gibt es halt kein entweder oder. Zu verschiedenen Zeiten im Leben gibt es wechselnde Anteile des einen und des anderen. Mal ist mehr unser freier Gestaltungswille gefragt (oder wir sind dazu beauftragt), ein anderer Mal heißt es, Schicksal annehmen, sich fügen.

    Das vielfach kolportierte so genannte Gelassenheitsgebet: “Herr gib mir die Gelassenheit, hinzunehmen, was nicht zu ändern ist, die Kraft zu ändern, was zu ändern ist und die Weisheit, zwischen beiden zu unterscheiden.” ist ja auch nur eine populäre Form davon.

    Für mich selber habe ich die Begriffe Demut und Wagemut gefunden. Diese regieren in wechselnden Anteilen mein Leben.
    Dafür zu beten, zu erkennen, wann das eine und wann das andere dran ist, ist sicher nicht falsch, aber das ist ja schon demütig. Wagemutig ist, stets achtsam zu sein und für jede Situation zu entscheiden, ob ich demütig reagieren will oder wagemutig in die Speichen greifen.
    Danke für euren Text, der diesen Kommentar in mir auslöste und der mir die enthaltene Aufgabe noch einmal bewusst machte.

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