Gesundheit, Psychologie, Wissenschaft

Kennen Sie »MEMs«? Wie sich Gedanken verbreiten – und welche Sie vielleicht geerbt haben.

Gedanken_1Für unser Leben ist es von großer Bedeutung, was wir über ein bestimmtes Thema glauben, wissen oder nicht wissen. Vieles von diesem »Wissen über das Leben« haben wir von unseren Eltern gelernt. Selbst wenn wir heute erwachsen geworden sind, viel erfahren oder vielleicht studiert haben und uns ständig informieren, glaubt unser Unterbewusstsein noch immer die Lehren über das Leben, die uns unsere Familie beibrachte. Psychologen nennen diese stabilen Erinnerungen, die uns wie eine Wahrheit vorkommen: »Prägungen«.

Die Frage lautet nun: »Folge ich gerade einer Prägung in mir oder der Wahrheit?«

Unsere Eltern hatten ihre Wahrheiten ebenfalls von deren Eltern und damit aus den Informationsquellen jener alten Zeit. Natürlich gaben sie alles nach besten Wissen und Gewissen weiter und überzeugten uns als Kind von der Richtigkeit. So kommt es dass in unserem Unterbewusstsein oft Wahrheiten über das Leben arbeiten, die zig Jahre alt sind. Manche davon wurden schon längst als unwahr widerlegt und dennoch sind sie noch immer der Masse der Bevölkerung verbreitet. Wissenschaftler schätzen sogar, dass ein großer Teil des jetzt gerade an unsere Kinder übertragenen Schulwissens dem Informationsstand von vor zwanzig Jahren entspricht. Man sagt, es dauert etwa eine Generation, bis das gerade aktuelle Wissen an den Universitäten gelehrt wird und zwei Generationen, bis es in der Schule ankommt.

Warum braucht ein bestimmtes Wissen so lange, bis es im Kollektiv der Bevölkerung wirklich einrastet? Warum überleben grundlegende Unwahrheiten machmal über viele Generationen hinweg im Kopf der Menschen?

Der Gedankenvirus: Wie sich Behauptungen mit Eigenkraft immer weiter verbreitenKollektive_Intelligenz

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins stellte 1975 die These auf, dass es Gedankengebilde gäbe, die man mit Erbanlagen vergleichen kann. In sich abgeschlossene Bewusstseinsinhalte, wie eine Meinung, ein Urteil, eine Lebensweisheit, eine Erfahrungsgeschichte oder eine Verhaltensvorschrift würden sich übertragen und in den Köpfen der Menschen verbreiten, ähnlich wie sich Gene von Generation zu Generation weiterverbreiten. Wie auch bei Genen, könne sich ein MEM geringfügig verändern und durch Selektion wird sich zeigen, ob es überlebt.

Diese These wurde viel diskutiert und es gab konträre Meinungen darüber, ob sich eine Gedankengut-Einheit wirklich mit der Weitergabe eines Erbgutes vergleichen lässt. Schließlich wurde es tendenziell verworfen. Doch ganz aktuell (Stichwort »Zellgedächtnis«) liegen neue Forschungen vor, die über Dawkings Vermutung der Gedankenverbreitung durch Worte sogar hinausgehen.

An diesem Ort in Ihnen sind wichtige Erfahrungen Ihrer Eltern gespeichertDNA

In einem Versuch wurden Mäusen ganz bestimmte Informationen beigebracht. Danach ließ man die Mäuse sich vermehren und sorgte dafür, dass die Mäusekinder sofort nach der Geburt keinen Kontakt zu den Müttern hatten. Sie konnten sich also weder etwas abschauen, noch durch Kommunikation lernen. Dennoch wussten die Kinder später exakt über die beigebrachte Information Bescheid und verhielten sich im Versuch genau so, wie zuvor auch ihre Mütter. Die Forscher folgerten, dass es nur eine Möglichkeit gab, wie die Kinder an das Wissen gekommen waren: Es musste in der DNA verschlüsselt und dann vererbt worden sein. Genau das bestätigte sich auch. Weil die Erinnerungen in der Zelle gespeichert werden, nannte man dieses Phänomen: Das Zellgedächtnis. Doch zurück zum MEM, also einer Behauptung und ihrer Verbreitung.

MEMs vermehren sich besonders gerne unter Gruppendruck

Als gesichert gilt, dass eine falsche oder wahre Gedankeneinheit sich in einer Gruppe erheblich besser verbreitet, als auf sich selbst gestellt. So sind manche Gerüchte, Klatsch und Tratsch, Ängste oder Parolen vergleichbar mit gedanklichen Viren, die so tun als würden sie Nutzen bringen oder für andere wichtig sein, nur damit man sie weiterverbreitet. Ein typisches Beispiel sind die bekannten Kettenbriefe, die kaum inhaltlichen Wert haben, aber von sich behaupten für andere wichtig zu sein und deshalb dringend weitergegeben werden zu müssen.

→ Zwei Beispiele für stabile aber falsche MEMs.

  • Die Spinatlüge

Seit über 120 Jahren glauben Generationen von Eltern, Spinat wäre gut oder gar lebensnotwendig für ihre Kinder, weil er viel Eisen enthielte. Mit dieser, für manche Kleinen unangenehm schmeckenden Wahrheit, wuchsen sie auf und gaben sie später an ihre eigenen Kinder weiter.

Tatsächlich jedoch ist das MEM »Spinat ist wichtig für Kinder, weil es besonders viel Eisen enthält« falsch. Es beruht auf einem wissenschaftlichen Fehler, der 1890 einem Schweizer Physiologen unterlief. Er berechnete den Eisengehalt von Spinat mit 35mg pro 100 Gramm, was tatsächlich ein extrem hoher Wert wäre. Doch der Forscher ermittelte diesen Wert aus getrocknetem Spinat. Er ließ außer acht, dass das natürliche Spinatgemüse zu 90% aus Wasser besteht. Damit beträgt der wahre Wert des Spinats auf dem Teller nur 3,5 mg pro 100 Gramm und liegt im normalen Durchschnitt mit anderen Gemüsen. Das Mem jedoch existiert in den Köpfen vieler Menschen bis heute und so werden noch immer viele Kinder zum ungeliebten Spinatessen gedrängt.

  • Das Milch-MemMilch

Das Nahrungsmittel Milch genießt in der Bevölkerung eines der besten Images aller Lebensmittel. Das MEM »Milch ist gesund« ist besonders in westlichen Kulturen stark verbreitet. Damit Kuhmilch vom menschlichen Darm verdaut werden kann, benötigt der Darm jedoch Laktase, ein spezielles Enzym. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass etwa 75% der Menschen weltweit und bis zu 40 % in westlichen Ländern, keine Laktase im Darm haben und deshalb, oft unwissentlich, unter Laktoseintoleranz leiden. Die Milch kann vom Körper dieser Personen also nicht nur nicht verdaut werden, sie löst sogar Gegenwehr in Form von Durchfall oder Bauchschmerzen aus oder erzeugt typische Allergiereaktionen wie Müdigkeit, Schwächegefühle, Gereiztheit und so weiter. Auch zu der alten positiven Behauptung »Milch ist gut für die Knochen« wurde inzwischen bewiesen, dass Milch für den Zustand Knochen bestenfalls egal ist.

Für eine bedeutende Zahl von Menschen stimmt das MEM über die Milch also nicht, weil bei ihnen das genaue Gegenteil der Fall ist. Dennoch steckt es vielen Köpfen, wie ein unauslöschlicher Virus und verbreitet sich weiter und weiter. Ginge es alleine um Wahrheit, so würde der Satz nach aktuellem Forschungsstand lauten: »Milch ist wahrscheinlich nicht besonders schädlich für Menschen, mit Laktase im Darm.«

Je pauschaler es klingt, umso eher könnte es ein unwahres MEM sein, das sich einnisten will

Es geht in diesem Beispiel nicht darum, die Milch oder ein anderes Produkt schlecht zu machen, sondern zu zeigen, dass eine Aussage umso schneller falsch wird, je pauschaler man sie trifft. Besonders gilt das für Botschaften, die sehr einfach klingen. Vielleicht sogar zu einfach. Dafür, dass eine simple Botschaft für alle in jedem Moment gilt, sind unsere Leben, Körper und Absichten zu verschieden. Informationen die viele Menschen lange Zeit glauben, müssen also keinesfalls richtig sein. Manche sagen sogar, je mehr Menschen etwas behaupten, umso genauer und kritischer sollte man es für sich selbst untersuchen.

Fragen Sie sich: »Stimmt auch in meinem Fall ganz sicher, was ich gerade als sicher denke?«

Ihnen sind bestimmt noch weitere unwahre Gedanken bekannt, die Sie bei persönlicher Nachprüfung enttarnt haben. Für ein gutes Leben geht es jedoch nicht darum, etwas schlecht zu machen oder zu missionieren, sondern vom Polarisieren frei zu werden und in die eigene Mitte zu kommen. Es geht darum Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden zu lernen und mit beidem ganz bewusst umzugehen.

♥ Drei Tipps, für die Bewusstheit über MEMs:Father's and son's hands holding green growing plant over nature

  1. Die kollektive Kraft: »Denke ich das gerade nur, weil es gesagt wird?« → Der Weg der Bewusstheit: »Je mehr Menschen einer Idee einfach folgen, umso genauer frage ich mich, warum ich ihr folgen sollte.«
  2. Die Stimme der Vorfahren: »Denke ich das gerade nur, weil ich es von Mutter, Vater, Oma, Opa… immer so gehört habe?« → Der Weg der Bewusstheit: »Wenn ich diese Stimmen in mir entdecke, erinnere ich mich, wie alt der Wissensstand sein könnte und prüfe nach, wie es hier und heute nur für mich ist.«
  3. Die Verallgemeinerungsfalle: »Denke ich das gerade nur, weil es sich einfach und bequem denkt?« → Der Weg der Bewusstheit: »Ich bin es mir wert, diesen Gedanken zu zerlegen und zu prüfen.«

»… Gerade wenn man glaubt etwas zu wissen, muss man es aus einer anderen Perspektive betrachten, selbst wenn es einem albern vorkommt oder unnötig erscheint. Man muss es versuchen. Und wenn Sie etwas lesen, vollziehen Sie nicht nur die Gedanken des Autors, berücksichtigen Sie auch was Sie denken. Gentlemen, Sie müssen sich um eine eigene Perspektive bemühen. Und je länger sie damit warten, um so unwahrscheinlicher ist es, dass Sie sie finden. Thoreau sagte, ›Die meisten Menschen führen ein Leben in stiller Verzweiflung.‹ Finden Sie sich nicht damit ab. Brechen Sie aus. Stürzen Sie nicht in den Abgrund wie die Lemminge. Sehen Sie sich um. […] Haben Sie den Mut Ihren eigenen Weg zu suchen.« | Robin Williams (1951 – 2014), Schauspieler und Komiker, aus dem Film ›Der Club der toten Dichter‹


 

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Das könnte Ihnen auch gefallen

1 Kommentar

  • Antworten Leon 16. Mai 2016 um 10:05

    Ich habe das Gefühl, dass sogar meine ganz persönlichen intimsten Erfahrungen, die sich teilweise weit unterscheiden vom Durchschnitt der ‘Leute’ beziehungsweise meiner eigenen Kindheit und Prägung, auf einer kollektiven Ebene (so etwas Ähnliches wie Zellgedächtnis) etwas bewirken. Man mag es kaum sehen, weniger noch wenn man bloß mit dem Denken schaut, aber ich bin sicher, dass es quasi den Weg ebensolcher Erfahrungen kollektiv erleichtert. Wie ein Pfad der ‘neu’ angelegt wird oder erleichtert wird. Wobei ich wiederum selbstverständlich auf den Pfaden Anderer (die Andere mit geebnet haben) wandele, übertragen auf eine aktuelle Außenwelt; meine subjektive Welt.

  • Antworten