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Phänomen Zeit: Wie eine Midlife Crisis in Wahrheit entsteht

Fakten über die Lebenszeit, die uns dabei helfen, unser Lebensglück zu optimieren.time_05

Irgendwann ändert sich unsere Sicht auf das Leben grundlegend. Es geschieht unbemerkt, schleicht sich sozusagen in unsere Wahrnehmung ein. Doch plötzlich fällt es uns auf: wir sehen immer mehr Dinge mit der Frage nach dem Sinn im Hinterkopf an. Wir stellen Dinge grundlegend in Frage, von denen wir mit fünfzehn nichts wussten und über die wir mit fünfundzwanzig noch nicht einmal nachgedacht hätten. Falls man sich zuvor nie besonders mit Sinn und Wert des eigenen Daseins auseinander gesetzt hat, erwischt sie einen um die Mitte herum oft unerwartet und voll: Die MidLifeCrisis.

Woher kommt sie? Warum durchlaufen die meisten Menschen sie auf die eine oder andere Weise? Warum entstehen diese unguten Gefühle? Und was ist danach völlig anders, als zuvor? Der große Umschwung in der geschätzten Mitte des Lebens, hat mit einem der geheimnisvollsten Umstände im Universum zu tun: dem Phänomen der Zeit und wie wir sie erleben.

Es gibt kaum etwas, das aus wissenschaftlicher Sicht mysteriöser ist, als die Zeit. Deshalb untersuchen wir sie in diesem und weiteren Beiträgen Stück für Stück. Was wir dabei herausfinden, ist so spannend, dass es die Sicht auf Ihr Leben verändert.

Fangen wir mit der Untersuchung der Zeit genau dort an, wo wir direkt damit zu tun haben: bei der Lebenszeit und wie wir sie wahrnehmen. Fast nebenbei und auf überraschend einfache Weise enttarnt sich dabei auch die MidLifeCrisis.

Meine Zeit ist so, wie ich persönlich sie erlebe. Aber wie erlebe ich sie?

Jede menschliche Zeitwahrnehmung entsteht aus der Beobachtung, wie sich Dinge verändern. Würde sich in Ihrer Umgebung nichts verändern, würde in Ihrer Wahrnehmung keine Zeit vergehen. Zeit = Beobachtung von Bewegung (das gilt übrigens auch physikalisch gesehen). Was also beobachten wir, bewusst oder unterbewusst? Wenn wir darum wissen, haben wir den Schlüssel für unser »Lebenszeitgefühl« in der Hand.

Jeder von uns trägt drei Uhren in sich.

  • Die biologische Uhr
  • Die Gedankenuhr
  • Die Erlebnisuhr

Jede dieser inneren Uhren »beobachtet« einen anderen Ankerpunkt. Von diesem Anker aus misst sie, wie die Zeit voranschreitet. Und das erzeugt unsere zufriedenen oder unzufriedenen Gefühle über einen Tag, ein Jahr oder das Leben.

  • Die biologische Uhr

(1) Wenn wir morgens in den Spiegel blicken, erleben wir den ersten großen Anker, den sich unser Unterbewusstsein für die Wahrnehmung von Zeit ausgedacht hat.Mann im Spiegel

Falten (oder nicht), Haare (oder nicht), der Zustand der Haut. Unser Gesicht im Spiegel ist ein Messpunkt dafür, wieviel Lebenszeit bisher vergangen ist. Der Versuch den Verfall im Spiegel zu verlangsamen, ist unbewusst der Versuch, das Leben zu verlängern. Noch nicht jetzt schon so alt zu sein.

(2) Einen weiteren Messpunkt unser biologischen Uhr sehen wir im großen Spiegel oder erleben ihn im Kleiderschrank: Unsere Figur. Wie sie früher war und wie sie heute ist. Zeit verändert die Dinge und unsere veränderliche Körperform spiegelt und deutlich das Vergehen von Lebenszeit.

(3) Der dritte Messpunkt unserer biologischen Uhr ist: Das Körper- und Lebensgefühl. Der innere Akku. Geht es leicht oder fällt es schwerer? Tut es weh, wo es früher nie weh tat? Wo beobachten wir an uns selbst eine Mühe, wo früher Mühelosigkeit war?  In jungen Jahren hat man so viel Kraft, Gesundheit und Lebensenergie, dass man über Zukunft und wie lange sie noch dauern wird, nicht nachdenkt. Je leerer sich der Akku anfühlt, je schwerer sich unser Gefäß bewegen lässt, um so älter fühlen wir uns.

Die biologische Uhr wird zum ersten Mal richtig wirksam, wenn wir feststellen, dass wir nicht mehr unendlich viel Kraft haben. Und ab da wird sie nie wieder aus unserem Fokus verschwinden.

  • Die Gedankenuhr

Unser Intellekt, also der logisch denkende Verstand, erzeugt Gefühle, indem er über ein Thema nachdenkt und dabei Situationen innerlich durchlebt. So auch bei der Zeit. Angenommen, wir haben eine Arbeit zu tun, die drei Stunden dauert. Wenn wir denken: »Nur 3 Stunden! Ich bin völlig im Stress«, wird die Arbeit 3 Stunden dauern. Aber die Zeit wird sich enorm knapp und drängend anfühlen. Sie wird rasen. Wenn wir dieselbe Arbeit mit dem Gefühl tun: »Wenn nicht heute, dann mache ich es eben morgen fertig«, dann wird es ebenfalls in 3 Stunden fertig sein. Aber in unserer Wahrnehmung waren es entspannte – üppige – 3 Stunden.Cartoon_Zeitstress

Zeit hängt also vom »Gedankendruck« ab. Warum Gedankendruck ein ungutes Lebensgefühl erzeugt, ist ein evolutionsbiologischer Vorgang: Früher sahen unsere Vorfahren eine Gefahr auf sich zukommen und mussten sich unbedingt und schnell etwas einfallen lassen, um zu überleben. Der Körper und das ganze System schaltete in den »Überlebensmodus« um. Eine körperliche Ausnahmesituation, die man heute Stress nennt.

Doch heute müssen Sie vielleicht nur eine Präsentation fertig machen und wieder schaltet Ihr Körper in den Überlebensmodus um, weil das Unterbewusstsein nicht unterscheiden kann, dass die Präsentation für Ihr Überleben in Wahrheit keine Bedeutung hat.

Wenn Sie auf ein gutes Leben achten möchten, suchen Sie nach solchen Gedankendruck-Fallen und entschärfen Sie sie immer wieder. Falls der Druck sehr hoch ist hilft manchmal die radikale Überlegung: »Es geht nicht ums Überleben, es ist nur ein Teil von einer Arbeit. So wichtig, dass ich mich selbst dabei fertig mache, kann es also gar nicht sein.«

→ Tipp: Beenden Sie den Überlebensmodus Ihres Systems, indem Sie die aktuelle Aufgabe in Relation zu Ihrem gesamten Leben und Dasein setzen. Lehnen Sie sich 30 Sekunden zurück, blicken Sie auf Ihr Leben insgesamt, auf das was Ihnen in Wahrheit wichtig ist. Denken Sie an den persönlichen Sinn Ihres Lebens. Und dann gehen Sie wieder zu diesem Moment jetzt. Sehen und fühlen Sie, wie gering seine Bedeutung ist. Damit schrumpft die Wichtigkeit der Aufgabe stark zusammen. Die Frage dazu lautet: »Welche Bedeutung hat das, was ich hier gerade mache, für mein gesamtes Leben?«

  • Die Erlebnisuhr

Unser Zeitgefühl entsteht durch die gemerkten Erlebnisse unseres Lebens. Erst wenn wir ein Jahr ganz bewusst beobachtet und erlebt haben, wissen wir, was ein Jahr überhaupt ist. Erst wenn wir 10 Jahre ganz bewusst erlebt haben, wissen wir, was 10 Jahre sind. Deshalb hat ein fünfjähriger Junge keine Ahnung, wovon Opa redet, wenn der sagt: »In zehn Jahren wirst du anders denken.«

Frage 1: Welches Zeitgefühl erzeugt 1 Jahr? Für Little Joe? Und für Joseph Senior?

Wir haben genauer untersucht, welche Bedeutung »1 Jahr« für Menschen verschiedenen Alters hat. Als Erstes müssen wir wissen, ab welchem Alter ein Mensch überhaupt eine Zeitwahrnehmung bekommt. Ein Baby hat keine Zeitwahrnehmung, ein Teenager schon. Irgendwo dazwischen muss also das »Zeitbewusstsein« einsetzen. Der Mittelwert der meisten Untersuchungen liegt etwa beim Eintritt in die Schule. Sagen wir also, Little Joe nimmt mit fünf Jahren zum ersten Mal wirklich das Vorhandensein und die Bedeutung von Zeit war. Ab da wird er »wach«, weil sein Zeitempfinden erwacht.

1 Jahr nach vorne zu denken, bedeutet für einen Menschen in % seines bisherigen Zeit-Erlebens:

  • Little Joe (5): 0 Jahre bisheriges Zeitbewusstsein sorgen dafür, dass sich 1 Jahr in die Zukunft zu denken »unendlich« oder »unmöglich« anfühlt. (1/0)
  • Joey jun. (10): 1 Jahr = 20 % seiner wachen Lebenszeit (1/5)
  • Studenten-Joe: (25): 1 Jahr = 5% (1/20)
  • MidLifeCrisis Joseph (45): 1 Jahr = 2,5% (1/40)
  • Old Grandpa Joseph sen. (80): 1 Jahr = 1,3% (1/75)

Als Diagramm sieht das so aus:

Der Wert der Zeit 1

Ganz deutlich zu sehen: Je älter wir werden, umso kürzer wird sich ein Jahr anfühlen, weil es einen immer geringeren Anteil am bisherigen Zeit-Leben ausmacht. Noch einfacher gesagt: Ab der Mitte des Lebens wird »1 Jahr« wirklich kurz!

Frage 2: Wie wertvoll ist 1 Jahr für Little Joe vs. Joseph Senior?

Was im Leben unendlich vorhanden ist, fühlt sich wenig wertvoll an. Was hingegen  knapp vorhanden ist, fühlt sich wertvoll an. Auch das haben wir als Kurve eingezeichnet.

Druck

Sehen Sie, wo die beiden Kurven sich schneiden? Es geschieht genau im Zeitfenster der MidLifeCrisis. Die Sinnfrage in uns kommt also dann deutlich hoch, wenn a) der Wert der Zeit spürbar ansteigt, weil b) die gefühlte Länge eines Lebensjahrs spürbar immer kürzer wird. Das erzeugt Druck.

Die Kurve der glücklichsten Lebenszeiten

Lebensglück-Forscher haben in mehreren großen Untersuchungen eine Durchschnitts-Kurve der Zufriedenheit über das ganze Leben hinweg ermittelt. Das Gesamtergebnis sieht so aus:

Midlife Crisis Kurve-2

Die Zeiterlebnis-Kurve und die Glücksgefühl-Kurve sehen ähnlich aus. Ganz offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art, wie wir die Zeit wahrnehmen und unserem Lebensglück. Am unglücklichsten sind wir in dem Zeitfenster, wenn wir erstmals deutlich fühlen, dass die Zeit (zu) schnell vergeht und wir gleichzeitig feststellen, dass sie zu allem Unglück auch immer weniger wird.

Das Geheimnis unseres inneren Lebenszeit-Zählers

Sie können an sich selbst beobachten, dass die Wahrnehmung von Zeit sich ab der Mitte erheblich verändert:

1. Lebenshälfte: In den ersten Jahren des Lebens zählt unsere innere Uhr VORWÄRTS. Die Jahre vor uns scheinen fast unendlich zu sein, oder zumindest so viel, dass man keinen Gedanken darauf verschwenden müsste, sie könnten einem ausgehen. In der ersten Hälfte denkt das Unterbewusstsein: »Ich bin jetzt soundso alt.« Die innere Uhr zählt die »bisher vergangene Zeit«.

2. Lebenshälfte: Ab einem bestimmten Zeitpunkt kippt der Schalter um und die Uhr im Unterbewusstsein zählt die VERBLEIBENDE RESTZEIT. Und fühlt dabei logischerweise Knappheit. In knapper Restzeit zu denken bedeutet, dass unser Unterbewusstsein auf »Mangel« umstellt. Zeitfülle wird zu Zeitmangel. Jede Art von Mangel macht unser Unterbewusstsein unzufrieden. Falls man nichts am Leben verändert, hat man ab der Mitte also: Das alten, bekannten Lebensabläufe + die neuen Gefühle von Mangel, Druck und Unzufriedenheit. Um sich daraus zu befreien treffen manche von uns dann seltsame Entscheidungen, zerstören Teile ihres alten Lebens, gehen neue Beziehungen ein. Das Unterbewusstsein versucht, wieder »Studenten Joe« zu werden, mit dem euphorischen Gefühl von ausreichend Lebenszeit.

Alles zusammen betrachtet, können wir drei wesentliche Erkenntnisse für das eigene Lebensglück gewinnen:

  1. Die Wahrnehmung, dass mit dem Alter die persönlichen Jahre immer schneller vergehen, ist richtig. Denn ein Jahr macht einen immer geringeren Anteil des bisherigen – im Kopf gespeicherten – Lebens aus.
  2. Die manchmal unglücklichen MidLife-Gefühle liegen nicht daran, dass das Leben keinen Sinn mehr hätte. Oder dass wir etwas falsch machen würden oder unzulänglich wären. Sie liegen daran, dass unser Unterbewusstsein Mangel spürt und nicht beseitigen kann.
  3. Man kann sich die ganze MidLifeCrisis sparen, wenn man gleich genau hinsieht, was im Leben gerade geschieht. Denn als Wissende sind wir kein Opfer eines Zustandes mehr, sondern ein Beobachter und bewusster Entscheider. Es geht nicht darum, alles sinnlos zu finden, weil Mangelgefühle aufkommen. Es geht darum, in jedem Tag, jeder Woche und jedem Jahr einen großen Wert zu spüren und die Zeit mit Sinn und guten Dingen zu füllen. Wenn wir es ab sofort so machen, wird es keine MidLifeCrisis geben.

»Reich sein an Wahrheit, Fleiß, tugendhafter Beherrschung, dabei gute Worte führen, das bringt höchstes Heil.« Buddha (560 – 480 v. Chr.), auch: Siddhartha Gautama, Stifter der nach ihm Buddhismus genannten Religion


 

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